Die Taufschale
Die Messingschale gehörte wie der Abendmahlskelch dem ehemaligen Augustiner-Chorherrenstift Schiffenberg. Während der Taufe wurde die Schale in die Vertiefung des Taufsteins gelegt. Entstanden ist sie vermutlich am Ende des 16. oder am Anfang des 17. Jahrhunderts.
Die sogenannten Beckenschläger-Schüsseln
Die Hausener Taufschale ist eine sogenannte "Beckenschläger-Schüssel". Seit dem 13. Jahrhundert wurde von den Beckenschläger genannten Handwerkern das in Platten gegossene Messingblech von Hand über Model "geschlagen". Ein Zentrum des Gewerbes war seit Anfang des 14. Jahrhunderts Nürnberg, jedoch konnte noch nicht nachgewiesen werden, wo die einzelnen Schalen entstanden sind. Gefertigt wurden sogenannte Blutschalen, Schalen für die Kollekte und Taufschalen, verziert oder schlicht.
Nach H.P. Lockner (1982) gab es von der Verkündigungsszene nur ein Stanzmodel. d.h. alle Schalen mit diesem Motiv wurden vom gleichen Model gearbeitet. Die Schalen wurden serienmäßig hergestellt und sind heute noch im gesamten deutschsprachigen Gebiet zu finden.
Die Darstellung auf der Schale: Die Verkündigung an Maria
Die Verkündigung an Maria war im Mittelalter ein beliebtes Motiv für Taufschalen. Die biblische Grundlage für diese Szene findet sich in Lukas 1, 26 - 38.
26/27 Elisabeth war im sechsten Monat schwanger, als Gott den Engel Gabriel zu einem Mädchen nach Nazareth schickte, einer Stadt in Galiläa. Das Mädchen hieß Maria und war mit Joseph, einem Nachkommen des großen Königs David, verlobt.
28 Der Engel kam zu ihr und sagte: "Sei gegrüßt, Maria! Gott will dich beschenken. Er hat dich unter allen Frauen auserwählt."
29 Maria fragte sich erschrocken, was diese seltsamen Worte bedeuten könnten.
30 "Hab keine Angst, Maria", redete der Engel weiter. "Gott liebt dich und hat etwas Besonderes mit dir vor.
31 Du wirst ein Kind erwarten und einen Sohn zur Welt bringen. Jesus soll er heißen.
32 Er wird mächtig sein, und man wird ihn Gottes Sohn nennen. Die Königsherrschaft Davids wird er weiterführen
33 und die Nachkommen Jakobs für immer regieren. Seine Herrschaft wird kein Ende haben."
34 "Wie kann das geschehen?" fragte Maria den Engel. "Ich bin doch gar nicht verheiratet."
35 Der Engel antwortete ihr: "Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft Gottes wird sich an dir zeigen. Darum wird dieses Kind auch heilig sein und Sohn Gottes genannt werden.
36 Selbst Elisabeth, deine Verwandte, von der man sagt, daß sie keine Kinder bekommen kann, ist jetzt im sechsten Monat schwanger. Sie wird in ihrem hohen Alter einen Sohn zur Welt bringen.
37 Für Gott ist nichts unmöglich."
38 "Ich will mich Gott ganz zur Verfügung stellen", erwiderte Maria. "Alles soll so geschehen, wie du es mir gesagt hast." Darauf verließ sie der Engel.
Die Szene findet im Freien statt, in einem Garten. Der
eingezäunte Garten, der hortus conclusus, gilt als Symbol für die Jungfräulichkeit Mariens.
Im Hintergrund zwischen Maria und dem Engel steht ein großes Henkelgefäß mit blühenden Blumen. Die Blüten haben sechs Blätter. Vielleicht ist es die mystische Rose Marias, die mit ihren sechs Blätten vollkommener war
als die übliche Rose mit ihren fünf Blättern. (vgl. Chatres, Labyrinth u.a.)
Maria sitzt vor ihrem Schreibpult auf dem ein großes Buch, das Alte Testament oder das Buch Jesaia, aufgeschlagen liegt.
Dem Betrachter soll gezeigt werden, dass die Mutter von Jesus eine gebildete und fromme Frau ist und die heiligen Schriften kennt.
Vom Pult hängt eine verzierte Decke herunter,
ähnlich den liturgischen Decken über dem Pult in einer Kirche.
Von hinten links tritt der Engel Gabriel heran.
Er ist gerade erst gelandet, seine Flügel sind noch weit geöffnet. In seiner rechten Hand hält er den Botenstab mit einer Darstellung eines Lammes
unter einem Kreuz. Es ist das Lamm Christi, ein Symbol für den Opfertod Jesu und weist damit auf den Ausgang der Geschichte hin. Gabriel erhebt die linke Hand zum Redegestus und deutet dabei auf Maria.
Jetzt beginnt er mit der Verkündigung "Ave Maria, gratia plena ...".
Oberhalb von Maria ist eine Taube mit einem Heiligenschein dargestellt.
Es ist die Heilig-Geist-Taube, das Symbol
für die Gegenwart des göttlichen Willens. Die Strahlen, die von der Taube in Richtung Maria ausgehen zeigen die Verbindung von himmlischem und irdischem Geschehen.
Die Inschrift
In zwei Ringen läuft eine gotisch erscheinende Inschrift um das Mittelbild. Nach Luise und Klaus Hallof (1995) handelt es sich entweder um rein ornamentale Kalligrafie oder die Buchstaben sind durch die häufigte Verwendung des Models zur Unleserlichkeit abgenutzt.
Andere Beckenschlägerschüsseln mit Verkündigungsmotiv

Eine ähnliche Taufschale, offensichtlich nach dem gleichen Model gearbeitet, besitzt zum Bespiel die Alte Pfarrkirche Lichtenberg, Berlin [w].
S.Scheele
Literatur:
H.P. Lockner, Messing, 1982
Mehrere Publikationen von H.P. Lockner, einem ausgewiesenen Kenner der Beckenschläger-Schüsseln, finden sich auf www.lockner.de/publikationen zum Download als PDF.
Luise und Klaus Hallof, Die Inschriften des Landkreises Jena, 1995, 75ff.

